Was ist Gerechtigkeit?

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28.09.2025 17:51
avatar  Gitta
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Zu diesem Thema mache ich mir gerade Gedanken. Und ich glaube, es beschäftigt hier auch einige andere. Bei manchen habe ich es auch schon gelesen.

Was wäre anders gelaufen, wenn wir eine "normale" Kindheit gehabt hätten? Wenn uns dieses und jenes nicht passiert wäre? Wenn wir in diesen oder jenen Irrtum oder Fehler nicht gelaufen wären? Oder ähnliches. Was wäre dann heute anders? Wäre es gerechter, wenn es anders wäre?

Ich möchte das nicht im politischen Sinne tun, da stehen immer Gruppen oder Interessengemeinschaften gegeneinander. Da gehört man immer zu einer Gruppe, und es wird diskutiert in dem Sinne, wenn allgemein Gruppe X mehr Geld bekommen würde oder mehr abgeben würde, dann wäre es für alle besser oder gerechter. Oder alle aus Gruppe X dies machen würden, usw., usw.
Nein, sondern es geht mir hier um Einzelschicksale, weil ich glaube, dass wir davon einige im Forum haben. Also um Personen, die eigentlich zu Gruppe X gehören würden, aber aufgrund schicksalhafter Umstände sich immer oder oft allein und aus ihrer ursprünglichen Gruppe ausgegrenzt gefühlt haben.

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Hier also ein Beispiel. Da sind fünf junge Männer, die leidenschaftlich und sehr gut Tischtennis spielen. Sie spielen in verschiedenen Vereinen und trainieren seit Jahren für die Landesmeisterschaft. Sie haben alle einen ähnlichen familiären Hintergrund, sie haben als Kinder begonnen, brennen für ihren Sport und haben im Laufe der Jahre auch auf vieles verzichtet, um Trainieren zu können.

Nun passiert ein Unfall. Einer der Spieler ist mit dem Fahrrad unterwegs, musste einem Auto ausweichen und stürzt. Das Handgelenk (der Schlägerhand) ist gebrochen und kann nicht wieder so weit hergestellt werden, dass ein Spielen auf Leistungs-Niveau wieder möglich ist. Er ist also raus aus seinem Traum.

(Sorry, falls das nicht ganz 100prozentig richtig ist. Ich bin weder Tischtennis Spielerin noch Medizinerin, ich wollte nur ein Beispiel konstruieren.)


Was ist nun Gerechtigkeit?

Da könnte man erstmal auf den Unfall schauen. Also ein Auto ist beteiligt. In diesem Fall ist das Auto nicht mehr zu finden. Sei es, weil der Fahrer geflüchtet ist oder weil er es nicht bemerkt hat. Aber selbst, wenn das Auto gefunden wird, hätte es der Fahrer nicht mit Absicht gemacht.

Also würde seine Unfallversicherung zahlen und nicht die des Spielers. Für die Behandlungskosten. Oder Reha. Oder zahlt das ohnehin die Krankenversicherung? Da bin ich nicht so juristisch unterwegs. Aber die Behandlung ist ja hier auch nicht unser Thema. Sondern die Folgen, dass ein Traum zerplatzt ist.

Vielleicht könnte der Spieler noch Schmerzensgeld einklagen. Aber angenommen, der Autofahrer hat sich immer korrekt verhalten, nur ihn halt übersehen. Er konnte ja auch nicht wissen, wie der Spieler stürzen würde. Also da wird das Schmerzensgeld nicht so ausfallen, dass es den zerplatzten Traum aufwiegen würde.

Vielleicht war es auch anders und der Spieler zu schnell unterwegs und hat den Autofahrer übersehen. Und dann?

Dann könnte er sich Selbstvorwürfe machen. Es wäre ja seine eigene Schuld, wegen der er sich schämen müsse. Wenn er zu schnell gefahren ist, dann könnte er sich sein unkorrektes Verhalten vorwerfen. Aber kann sich ein Mensch überhaupt 100% korrekt verhalten? Oder gibt es immer mal wieder die Notwendigkeit zur Abweichung?

Dann hätte er in diesem Fall die Lage falsch eingeschätzt und eine falsche Entscheidung getroffen. Tja, das passiert jedem und jeder, mit keinen oder kleineren oder ganz großen Folgen. Vermeiden können wir Fehler also nicht. Und auch deren Auswirkung liegt in der Regel nicht in unserer Macht, sondern ist Schicksal.

Vielleicht hat der Spieler sich aber auch in allem korrekt verhalten. Nur in dem Moment huschte ein Tier übers Feld und er war kurz abgelenkt. Auch hier könnte er sich wieder Selbstvorwürfe machen. Wäre das anderen auch passiert? Hätten sie sich auch ablenken lassen?

An dieser Stelle kann man sich fragen: Stellen Selbstvorwürfe Gerechtigkeit wieder her? Oder sind sie ein Versuch dazu?

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Also gehen wir auf den Stand, es ist ein unvermeidbarer Fehler passiert. Und nun kann unser Spieler nicht mehr richtig spielen und an der Meisterschaft teilnehmen. Das ist an sich schon mal ungerecht.

Denn die vier weiteren Spieler beeinflusst es überhaupt nicht. Ich gehe mal davon aus, dass sie nicht untereinander befreundet sind oder sich überhaupt kennen. Nein, die anderen Spieler machen einfach weiter wie bisher. Sie hätten ja auch keine Zeit, sich mental mit allen möglichen Schicksals Begebenheiten zu beschäftigen. Das würde sie nicht weiser machen, sondern höchstens in einen Sorgenkreisel ziehen. Und sie brauchen auch ihre Zeit und Energie zum Trainieren.

Aber, wie ließe sich wieder Gerechtigkeit herstellen? Ganz einfach gedacht, sollten die vier anderen Spieler jetzt eben auch das Trainieren einstellen, etwas anderes machen und auf ihren Traum verzichten.

Aber funktioniert das so? Denken wir ein paar Jahre weiter. Ein anderer Spieler verliert sein Kind durch einen Unfall. Sollen jetzt alle anderen Spieler auch ihre Kinder umbringen? Wegen der Gerechtigkeit? Noch etwas später erkrankt ein anderer Spieler an Krebs. Sollen die anderen solidarisch mitsterben?

Gut, das waren jetzt etwas drastische Beispiele. Aber was, wenn einer der Spieler einen Rohrbruch hat? Oder die Ehe nicht funktioniert? Oder, oder…? Dann könnte man bei jedem Ereignis erstmal über die Schuldfrage rätseln. War derjenige zu blöd oder zu leichtsinnig oder war es Schicksal? Und wenn er keine Schuld hatte, müssen dann alle anderen mitmachen und mitleiden?

(Für mich) schwer vorstellbar, so eine Weltordnung oder Gerechtigkeits-Wiederherstellung.

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Was ist also die andere Möglichkeit? Das Schicksal so akzeptieren und hinnehmen.

Aber was, wenn jetzt doch jemand schuld wäre? Ein boshafter Autofahrer, der es mit Absicht gemacht hätte? Würde das das Problem lösen?

Wahrscheinlich nicht. Denn stellen wir uns so einen boshaften Typen vor, der es schlecht meint und allen anderen möglichst schaden will. Oder einen malignen Narzissten, der über Leichen geht. Wie auch immer, diese Leute sind gestört. In ihren Köpfen gehen irgendwelche komischen Dinge ab. Und das Einzige, was sie bremsen kann, ist die Aussicht, erwischt zu werde. Ihnen tut nichts wirklich leid, sie halten sich sogar für einmalig toll in ihrer Art.

Irgendwann werden sie gestoppt. Vielleicht sogar als Anlass dieses Unfalls. Und dann? Landen sie im Gefängnis, aber da tun sich nur selbst leid. Die Chance, dass solche Menschen ihre Missetaten ehrlich einsehen, bereuen oder sogar wieder gutmachen wollen, liegt bei nahe Null.

Also darauf zu warten, hilft unserem Spieler auch nicht weiter.


Was bleibt, ist das Schicksal zu akzeptieren. Klingt hart. Aber was passiert, wenn wir es nicht tun?

Wenn wir denken, eigentlich sollte es für uns einen Ausgleich geben. Eigentlich sollten wir doch in Folge bei möglichen anderen Dingen vom Schicksal bevorzugt werden. Einfach so, einfach aus Gründen der Gerechtigkeit.

Ja, dann passiert, dass wir auf falsche Freunde reinfallen können.

Freunde, die uns mehr geben, als uns zusteht. Mehr Freundlichkeit, mehr Bewunderung, mehr Aufmerksamkeit, mehr Lob, oder, oder… Denn wir denken, jo, das ist eigentlich richtig so, bin ich doch bisher eher zu kurz gekommen (im Gegensatz zu all den anderen, denen das nicht passiert ist). Wurde auch Zeit, dass das endlich jemand merkt und mich so behandelt, wie es sein müsste. Aber eigentlich belullen uns diese falschen Freunde mehr, als dass sie uns behandeln.

Und schwupps, sind wir (wieder) Opfer geworden.

(Was ich sagen will, mit diesem Gerechtigkeits-Denken kann man sich auch selbst entfremden. Also nicht notwendigerweise, aber es kann passieren.)


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28.09.2025 18:04
avatar  IBI
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Eine Rekordsumme an Zeichen ....bin ich nicht gewöhnt von dir, Gitta.

Mit dem Schicksal hadern durch Gerechtigkeit??

Es ist verdammt ärgerlich, doch die Situation ist wie sie ist.
Kaputtes Handgelenk und möglicherweise kein Profi-Tischtennis mehr....
aber vielleicht Trainer oder Schiedsrichter im Profisport werden....

Viele Menschen schaffen es, sich nach ihrem Schicksalsschlag neu auszurichten...

Ist es gerecht, wenn jemand die Gene für einen niedrigen IQ und andere für einen höheren IQ mit auf den Weg bekommen hat....daran kann keiner was ändern, beides wird Vor- und Nachteile haben.

Ich glaube, dein Beispiel und Gerechtigkeit / Fairness auf dieser Ebene passen nicht zusammen.
Die Frage zur Gerechtigkeit hält dich innerlich fest und bringt die Opfergefühle samt Selbstvorwürfe hoch....

Was wäre hilfreich, um mit solchen (scheinbar ungerechten) und schicksalshaften Situationen emotional besser umzugehen und sich mit ihnen leichter arrangieren zu können, um von dort aus veränderte Träume und Lebensziele zu erreichen?


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28.09.2025 19:01
avatar  Gitta
#3
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Eine Rekordsumme an Zeichen ....bin ich nicht gewöhnt von dir, Gitta.




Zitat
Mit dem Schicksal hadern durch Gerechtigkeit??


Ist es durch Gerechtigkeit? Würde man sonst nicht mit dem Schicksal hadern? Interessante Frage.

Zitat
Viele Menschen schaffen es, sich nach ihrem Schicksalsschlag neu auszurichten...


Wir hier auch? Oder arbeiten wir noch dran?

Zitat
Ist es gerecht, wenn jemand die Gene für einen niedrigen IQ und andere für einen höheren IQ mit auf den Weg bekommen hat....daran kann keiner was ändern, beides wird Vor- und Nachteile haben.


Das ist mir für die Diskussion hier wieder zu allgemein. Dann geht es schnell wieder darum, zu welcher Gruppe man gehört. Natürlich haben wir ein Einzeldasein und ein Gruppendasein. Aber ich würde mich hier gerne nur auf das Einzeldasein beschränken. Falls das möglich ist. Vielleicht geht es auch nicht, weil unser Gruppendasein viel mehr unseren Alltag bestimmt. Werden wir sehen.

Zitat
Ich glaube, dein Beispiel und Gerechtigkeit / Fairness auf dieser Ebene passen nicht zusammen.


Kannst Du das etwas genauer beschreiben?

Zitat
Die Frage zur Gerechtigkeit hält dich innerlich fest


Jo, deshalb mache ich mir ja hier Gedanken dazu. Vielleicht hilft es dabei, manches klarer zu sehen.

Zitat
Was wäre hilfreich,

Zitat
emotional besser umzugehen


Tja, hast Du Vorschläge? Meine Emotionen sind ja eher schwach ausgeprägt.


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28.09.2025 19:06
avatar  Lynda
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Zitat von Gitta im Beitrag #1
Was wäre anders gelaufen, wenn wir eine "normale" Kindheit gehabt hätten? Wenn uns dieses und jenes nicht passiert wäre? Wenn wir in diesen oder jenen Irrtum oder Fehler nicht gelaufen wären? Oder ähnliches. Was wäre dann heute anders? Wäre es gerechter, wenn es anders wäre?


Liebe @Gitta, in solche Gedankengänge versuche ich mich erst gar nicht zu begeben. Da kann man ja nur verlieren. Meist tun das Menschen, um den Schmerz zu dämpfen oder den Druck rauszunehmen, aber eine Opfer-Rolle ist nie von Vorteil.
Ich will damit nicht sagen, dass man alles verdrängen soll und ignorieren soll.

Vielleicht bin ich auch einfach zu alt, aber ich möchte mein Leben nicht mehr mit Grübeln und Selbstvorwürfen verbringen. Wichtig finde ich schon, dass man schlimme Erfahrungen/Ereignisse in seinem Leben verarbeitet (ein bisschen Selbstmitleid dabei kann sicherlich auch nicht schaden), aber man sollte dann auch die Konsequenzen annehmen.
Wahrscheinlich gelingt das Menschen, die über ein gewisses Urvertrauen verfügen, auch leichter. Ich hadere daher nicht mehr mit meinem Leben, sondern stelle mich allen Herausforderungen, die mir das Leben in den Weg wirft .


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28.09.2025 19:19
avatar  Gitta
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Zitat von Lynda im Beitrag #4
Wichtig finde ich schon, dass man schlimme Erfahrungen/Ereignisse in seinem Leben verarbeitet (ein bisschen Selbstmitleid dabei kann sicherlich auch nicht schaden), aber man sollte dann auch die Konsequenzen annehmen.

Ja, mir geht es auch weniger ums vor sich hin Hadern, aber ein Akzeptieren. Also es nicht zu verdrängen oder sich schön zu reden, sondern es anzunehmen, auch wenn es sehr mies ist.


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