mein freund ist mit Ordnung überfordert

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23.10.2014 17:32 (zuletzt bearbeitet: 11.05.2016 02:53)
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#1
ju
julika ( gelöscht )

Hallo ihr das draußen, ich würde mich über Verhaltenstips bezüglich folgender Sache freuen, Seit einem Tag beschäftige ich mich intensiver mit der Messieproblematik, da ich glaube, dass mein Freund irgendein Motivationsproblem/soziales Isolationsproblem hat.

Zunächst mal die Geschichte:
Ich habe vor drei Monaten einen Mann kennengelernt, übers internet, mein erstes online date, aber irgendwie haben wir uns sehr lieb gewonnen. Wir sehen uns fast jeden Tag, lassen uns aber auch Freiräume. Kurz, in den letzten Monaten ist er schon zu einem sehr wichtigen Punkt in meinem Leben geworden. Er ist sehr liebevoll, ehrlich, manchmal etwas aufbrausend, aber das bin ich auch. Einziges Problem: seine Schmuddeligkeit zwingt mich dazu, bei ihm aufzräumen, oder blockiert mich gedanklich.

Nun hinter den Vorhang: Als wir uns zum ersten Mal bei ihm treffen wollten, kündigte er bereits an, dass er vorher erstmal aufräumen muss, damit ich mich auch wohl fühle. Als ich dann zu ihm kam, war ich etwas verdutzt, er hat ein kleines Grundstück, wo er selbst sehr viel Platz hat, eigentlich recht paradiesisch nur kann man in der kleinen Hütte mittlerweile kaum irgendwo sitzten, weil alles mit Kissen, Stühlen, teuren Möbeln oder Bilderrahmen vollsteht. Das liegt zum einen daran, dass er immer mehr kauft, zum anderen daran, dass er Ware geliefert bekommt, mit der er Geld verdient. Aber trotzdem: Leider ist ein Großteil seiner kleinen Hüttchen auf dem Grundstück voll mit Müll, darunter auch viel Krams, der teilweise noch nicht mal ausgepackt ist, oder echt wertvolle Dinge, die er einfach so draußen verrotten lässt. Man sieht, dass er sich vieles vornimmt und dann nicht umsetzt. Es ist dort alles improvisiert, und viel ausgebaut, er hat es sich aber recht schön gemacht, gemütlich, viele Decken, Kissen Pflanzen... nur sind da eben echt viele Spinnen und Dreck in den Ecken...

Was ich wahrnehme: Er hat definitiv ein Problem damit, Dinge wegzuräumen, er schiebt vieles auf. in der Zeit, in der wir uns kennen lernten, wurde ihm auch schon 2 mal das Internet abgestellt, weil es irgendwelche Überweisungsprobleme gab, die er einfach ignoriert hat. Fällt z.B etwas runter, schmeißt er es in irgendeine Ecke, auf irgendeinen Haufen (weil es jetzt wichtigeres gibt). Überall stehen kleine Plastikschalen mit verottetem Gemüse oder Obst - drinnen werden sie schlecht, aber er schafft den Gang zum Komposthaufen einfach nicht, dann stellt er sie irgendwo dazwischen ab, vergisst sie.

Was ich bisher gemacht hab: Ich habe dieses Verhalten einfach damit gekontert, dass ich von meiner Entwicklung und meinem Verhältnis zum Aufräumen erzählte (ich habe meiner überarbeiteten Mutter immer hinterhergeräumt) und von den typischen Hausfrauen meiner Schulfreundinnen viel abgegucktMittlerweile bin ich zu einem ordentlichen Menschen geworden.

Letzte Woche hatten wir nun einen Streit, der mich stutzig hat werden lassen: Er stand morgen bei mit in der Wohnung auf, und war in der Küche genervt, davon, dass es keine saubere Gabel gab. Schuld war wohl mein neuer Mitbewohner. Ich sagte dann: "Na wasch dir doch eine ab"
Ab und zu könne man schon mal ein paar Sachen stehen lassen. Das fand er furchtbar. Dann wurde ich richtig sauer und sagte: "Schau doch mal in deine Wohnung, du bist doch nicht gerade der Ordentlichste, also lästere jetzt nicht hinter dem Rücken meines Mitbewohner ab"
Drei Stunden später sagte er dann sowas wie" Ich kann eben nur woanders ordentlich sein, zu hause schaffe ich das einfach nicht."
Und schon war mein Mitbewohner wohl gar nicht mehr das Problem...

Er war lange alleine und scheinbar hat ihn seine letzte Freundin auch sehr fertig gemacht. Nun weiß ich nicht, ob sie nicht auch einfach an seiner Unordnung verzweifelte, oder ob sie ihn noch mehr traumatisiert hat. Ich hab sie kurz kennengelernt und sie ist eine sehr egozentrische Person...

Ich frage mich also, könnte das auch alles etwas temporäres sein, bei dem ich ihm helfen kann? Immerhin hat er ja auch schon einigen geschafft und ist seit vielen Jahren finanziell unabhängig und studiert auch noch (mehr oder weniger motiviert) nebenbei. Aber für mich ist die Vorstellung, mit ihm Kinder zu bekommen, eher nicht so recht, sollte er so schmuddelig bleiben. Denn zusammenwohnen kann ich mir nicht vorstellen. Ich weiß aber auch dass ich ihn nicht vor ein Ultimatum stellen kann. Das hat schon beim "kiff doch weniger" nicht geholfen.

Habt ihr Tips für mich, wie ich ihn bestärken kann, seine Ziele, und alles andere wieder positiv zu sehen? Er selbst sagt aber, er ist glücklich. Allerdings spricht er in anderen Situationen schon davon, dass er sein viel kiffen und seine Unordentlichkeit nicht so dolle findet.

Danke fürs lesen

nochmehr für Hinweise


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23.10.2014 19:27 (zuletzt bearbeitet: 23.10.2014 19:29)
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#2
Gast
( gelöscht )

Hallo julika,

herzlich willkommen hier im Forum.

Wieder einmal muss ich zugeben, dass man ohne sich selbst ein Bild gemacht zu haben, nur sehr schwer beurteilen kann, ob es sich um einen Messie im klassischen Sinne handelt, oder nicht doch eher um das, was wir hier gern einen "Liederling" nennen - bei dem die Herangehensweise eine andere ist.

Ein Messie tut sich sehr schwer damit, wenn er sich von seinen Besitztümern trennen soll. Müll und Dreck sind bei vielen (aber nicht bei allen) ein Nebeneffekt der außerhalb der Beherrschbarkeit geratenen Masse an Besitztümern. Liederlinge, die hier landen, sind meist an einem Punkt angekommen, an dem sie den ganzen Mist (und auch echten, teilweise ekligen) Müll am liebsten sofort los wären - sie wissen nur nicht, wie. Im TV sehen die Buden beider Sorten oft haargenau gleich aus, aber die Gründe, warum es dazu kam, sind individuell und können große Unterschiede aufweisen.

Dein Freund passt für mich bisher noch nicht so richtig in eine der beiden groben Kategorien - oder vielmehr: Er passt bisher in beide (was mich aber auch wieder nicht überrascht, da es hier einfach keine Regel gibt, die nicht mindestens eine Ausnahme hat).
Daher fällt es mir schwer, dir eine Verhaltensweise zu raten. Mit drei Monaten ist eure bisherige Beziehung ja auch ziemlich kurz, also fällt natürlich auch weg, was viele andere berichten, die erst nach einer langen Odyssee, in der sie vieles vergeblich ausprobiert haben, hier landen und um Rat fragen.


"Ich kann eben nur woanders ordentlich sein" hört man hier oft. Das deutet meistens auf einen übergroßen Perfektionismus, der - nicht selten - seine Wurzeln in der Kindheit hat. Dieses übersteigerte Anspruchsdenken an sich selbst tritt nur dann nicht auf, wenn es um andere geht. Da kann man es etwas lockerer sehen. Für den Normalo scheint es schier unbegreiflich, dass jemand, der in einer totalen Dreckbude, wie man sie gern im TV vorführt, ein extremer Perfektionist sein soll. Und doch ist es in vielen Fällen genau so.

Perfektionismus ist es oft, der dazu führt, sich zu verzetteln, in Details zu verlieren, und auch, andere Dinge als weniger dringlich zu bewerten, obwohl sie für den Normalo eine höhere Priorität hätten. Es sind auch viele andere Formen von Störung denkbar, zum Beispiel so etwas wie OCD - also ein zwanghaftes Verhalten, das es dem Betroffenen unmöglich macht, zu einer anderen Handlung überzugehen, oder diese "einzuschieben", bevor nicht das abgeschlossen ist, was er "im Fokus" hat. Ich muss aber betonen: Das ist alles voll ins Blaue geraten, ich bin da wirklich nur Laie, und möchte lediglich auf die Vielzahl der Möglichkeiten aufmerksam machen, die in Betracht kommen, und die jede für sich eine andere Strategie erfordern würden.

Vor der richtigen Hilfe steht die Diagnose.
Vor der Diagnose steht der Wunsch des Betroffenen, sich helfen zu lassen. Sonst lässt er keine stellen.
Vor dem Wunsch nach Hilfe steht der "ausreichende" Leidensdruck.
Leidensdruck, der von anderen Menschen geschaffen wird, führt häufig dazu, einfach die unliebsame Person von sich zu stoßen, die ihn verursacht.

Ist kein _innerer_ Leidensdruck vorhanden, der den Wunsch nach Hilfe auslöst, ist es praktisch unmöglich, den Betroffenen dazu zu bewegen, sich Hilfe zu suchen. Ändern kann man dann nur sich selbst, bzw die persönliche Einstellung, die man zu dieser Person einnimmt - wie man eben damit leben will. Oder auch nicht.




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17.05.2015 17:56
avatar  julika ( gelöscht )
#3
ju
julika ( gelöscht )

Hallo numi,
ich melde mich nach einer Weile wieder. Witzige Nachricht - wir sind immer noch zusammen. Ich schreibe parallel in einem Suchtforum wegen seiner Cannabis Sucht - wenn ihr mich jetzt fragt, warum ich denn mit ihm zusammen bin, fragt mich nicht - ich bin selber eine ziemliche Eigenbrödlerin, und das ist glaube ich das, was uns zusammen hälst, weil wir nicht alleine sein wollen, mit anderen aber viel mehr soziale Aktivitäten verfolgen würden. Nun das ist eine andere Geschichte.

Ich würde sagen, er hat ein definitives Antriebsproblem - zum Beispiel macht er sich einen Termin für die Uni, schreibt mir morgens noch, dass er schon alles fertog hat. Dann kommt er abends zu mir - und beichtet, er sei doch nicht gefahren- Warum? Es habe ihn unerwartet seine Mutter angerufen und vollgequatscht. Darüber habe er die Zeit vergessen. Er ist dann so in dem Moment, dass er alles andere vergisst und wenn er dann bemerkt, dass er zu spät ist, denkt er sich "Naja, jetzt muss ich auch nicht mehr los". Wenn ich nicht da bin, bleibt er in solchen Fällen zu Hause. Gestern war ich dabei. Er hatte 15 Uhr einen Termin, ich habe ihn bewusst nicht erinntert. Dann war er 14:55 und ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht. Dann kam die selbe Ausrede. Dann wurde ich laut und sagte: Na, aber los. Ruf da an, sag dass du zu spät bist und los. Dann ist er noch gefahren. ...

So ungefähr. Ihm ist alles egal, ob das jetzt vom Kiffen kommt oder von etwas Anderem.

Das Paradoxe ist, wenn wir zusammen sind, ist er engagiert, aufmerksam usw. Nur in meiner Abwesenheit lebt er in einer völlig anderen Dimension. Er vergisst viel, was ja auch durch das Kiffen kommt. Aber er sortiert nichts, schiebt alles auf. Dieses Paradox macht mich wahnsinnig. Denn ich bin dann Quasi wegen etwas genervt, was er mir ja während unseres Zusammenseins gar nicht von sich zeigt.

Ich komme dann bei seiner "Ach hat eh keinen Sinn mit Sprüchen wie: "OK wenn du dann ein baby hast, was du windeln musst, und ich nicht in der Nähe bin, sagst du dir dann auch , es macht keinen Sinn, die Windel zu wechseln , denn es macht ja eh bald wieder rein???"

Aber er ist auch ein Messie, denn er kauft Sachen auf dem Flomarkt, will die dann aufmotzen, oder weiterverkaufen, macht es aber nie. Wenn dann zum Beispiel ein Freund fragt, ob er ihm was abkaufen kann, tut er sich sehr schwer, es abzugeben - nur weil er denkt, er würde es irgendwann mal für besseres Geld verkaufen. Andererseits hat er ein "Verkäufer Business", was halbwegs läuft, aber was er auch nicht sehr ausbaut. Er ist eine echt faszinierend, sture, bizarre und eigenwillige Person!

Ich habe kürzlich mit ihm sein unordentliches Schlafzimmer von den Sachen seiner Mutter befreit, die ihm unaufhörlich Pakete schickt mit Second-hand Klamotten (ich denke sie ist ein echter messie). Dann hat er mit seiner Schwester telefoniert und gesagt, das es ja ganz ohne Streit ging, und dass das ihn überrascht hätte.

Es ist sehr schwer für mich, auf der einen Seite habe ich in ihm eine Person gefunden, die mir so nah ist, die sehr positiv, nicht eifersüchtig (auf wen auch??) und offen ist. Er zeigt mir seine Zuneigung so offen und da ich das bisher noch nciht so oft in meinem Leben hatte, sehe ich es als etwas besonderes an. Aber wie geht man damit um., dass der Mensch, den man liebt, ein anderer ist, wenn man nicht mit ihm zusammen ist. Außerdem ist es für mich sehr schwierig abzuschätzen, ob ich eine Beziehung mit ihm fortsetzen soll. Ich meine, wir könnten nie zusammen wohnen, da er unweigerlich alles zumüllen würde.

Er hat mir auch für meine Wohnung haufenweise Krams mitgebracht, der jetzt bei mir herumsteht. Spiegel, tolle Lampen etc. aber er hört eben nicht von alleine auf, noch mehr und mehr zu kaufen. Jetzt habe ich "Stopp" gesagt und er hat es gelassen, aber dann kauft er wieder für sich weiter. Er hat bei sich auf dem Grundstück so viele Müllhaufen - er hat 20 Farräder, die er alle "mal aufmöbeln" will. Es war schon ein Akt, dieses Schlafzimmer auszuräumen, was jetzt wieder total schön ist , aber er macht so viele andere Häufchen, dass man einfach nicht hinterherkommt, die mir ihm aufzuräumen.

Wenn wir bei ihm sind und etwas im Garten machen, fängt er immer an und sagt "Ach ich würde jetzt gerne einen kiffen" dann sage ich " ach warte doch, mach doch erstmal was, bevor du dich entspannst". Er will sich einfach ständig entspannen und chillen.

Im Hier-und-Jetzt ist mein Leidensdruck nicht so groß, aber wenn ich daran denke, dass ich mit ihm keine neue ernstere Beziehungsstufe eingehen kann, ohne automatisch in dei "Mach doch mal" -Rolle zu abzudriften , bekomme ich immer Starke Zweifel an unserer Beziehung.

Bin ich in einen Schwätzer verliebt oder soll man diesem Menschen helfen?? Das Problem ist, er hat keines- aber wenn er allein ist, verwarlost er total. Das ist doch auch kein Leben.

mmmh

Schwierig, schwierig.
Schwierig...


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17.05.2015 19:06 (zuletzt bearbeitet: 17.05.2015 19:15)
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#4
Gast
( gelöscht )

Hallo julika,

schön, dass du dich wieder meldest - auch wenn der Anlass ja eher bescheiden ist.

Ich tue mich nach wie vor schwer, etwas Eindeutiges sagen zu können, darum schmeiße ich hier jetzt einfach meine Gedanken dazu rein.
Du schreibst von verschiedenen Baustellen in seinem Leben, und ich denke, die hängen alle irgendwie miteinander zusammen.

Mutter Messie? -> Möglicherweise von ihr erlerntes/abgeschautes fehlgeleitetes Leistungs-Belohnungs-System.
Wir sind ja hier inzwischen auch wieder weiter, und unterscheiden nun klar zwischen einer Antriebs- und einer Trennungsproblematik. Der "Liederling" ist also meistens ein Mensch mit einer Antriebsstörung, und eine Antriebsstörung resultiert aus einem fehlgeleiteten Leistungs-Belohnungs-System. Es kommt öfters in Kombination vor, aber ich empfehle immer, zuerst die Antriebsschwäche zu korrigieren, weil das einfacher ist, und zugleich auch Grundvoraussetzung (ohne Motivation, sich der Trennungsproblematik anzunehmen, kann sie nicht angegangen werden, logisch).

Es gibt fünf verschiedene "Fehlprogrammierungen" beim Leistungs-Belohnungs-Prozess. Letzteres bedeutet ganz simpel: "Auf eine Leistung folgt eine angemessene Belohnung". Nur bei den Betroffenen stimmt damit irgendwas nicht. Entweder sie erbringen viel Leistung für eine zu geringe (1), oder sogar gar keine (2) Belohnung (im schlimmsten Fall folgt eine Bestrafung durch sich selbst oder Dritte), oder sie belohnen sich unangemessen üppig (3) für Kleinigkeiten, wodurch sie ein Problem haben, härtere Aufgaben in Angriff zu nehmen, denn für diese bräuchten sie gigantische Belohnungen. Dann gibt es noch das Problem, dass die Belohnung permanent zur Verfügung steht (4), und ihr keine Leistung vorangestellt wird (alles, was mit exzessivem Lebensstil zu tun hat - exzessiv TV gucken, exzessiv schlafen, PC spielen, Party machen usw), und last but not least Typ 5 - die Belohnung an sich ist problematisch.

Von Antriebsstörungen überdurchschnittlich häufig betroffen sind vor allem Menschen, denen es an Alltagsstrukturen mangelt. Also, denen einfach nichts und niemand vorgibt, was sie wann zu tun haben. Beispielsweise entwickeln viele Schüler eine Antriebsstörung, wenn sie aus dem stark strukturierten Schul- und Familienalltag ins Studentenleben überwechseln. Genauso kennt man das häufig von Rentnern, die nach vielen Jahren, in denen ihre Arbeit ihr Leben bestimmte, nicht mehr wissen, wie sie ihren Tag gestalten sollen. Oder auch Menschen, die arbeitslos werden, und damit nicht mehr klarkommen.
Interessant ist, dass Jugendliche, die zum Beispiel regelmäßig Sport treiben, von Antriebsschwäche deutlich weniger häufig betroffen sind, und auch bessere Noten schreiben, weil sie ein besseres Selbstmanagement haben. Das heißt, sie wissen: "Ich habe heute nachmittag um 16:30 Sport, jetzt ist es 13:30, noch kurz Mittagessen, dann muss ich für die Mathearbeit lernen, weil ich später keine Zeit mehr dafür habe". Es liegt also nicht unbedingt an der sportlichen Betätigung, sondern an der Terminplanung. Jemand, der außerhalb der Schule keine regelmäßigen Termine hat, sagt sich: "Ach, es ist egal, ob ich jetzt gleich lerne, oder später - ich habe ja Zeit". Und das sagt er so lange, bis er keine mehr hat.

Worauf will ich hinaus: Student -> grundsätzlich anfällig für Antriebsstörung. Problematischer familiärer Hintergrund -> Anfälligkeit steigt. Problematische Belohnungen: Kaufen, Kiffen.

Was du beschreibst, ist etwas, das man "Projekt-Messie" nennt - der ewige Planer, der aber seine Projekte nie wirklich in Angriff nimmt, aber zugleich große Probleme damit hat, diese Projekte loszulassen, denn das bedeutet für ihn Verzicht (auf einen tollen Gegenstand für die Wohnung, auf einen finanziellen Vorteil...was auch immer), und das Eingeständnis, versagt zu haben.
Für Projektmessies empfehle ich bisher dem Angehörigen immer, die Projekte voranzutreiben - und zwar mit Spaß dabei. Das bedeutet, zumindest zeitweise mitzumachen, bis der andere ins Rollen gekommen ist. D.h. du setzt die Priorität, du musst anfangen, zum Beispiel Farben kaufen, eine Bastelanleitung ausdrucken, den Tisch freiräumen, das Projekt positionieren, und ihn auffordern, sich dir anzuschließen, damit ihr das Projekt gemeinsam fertigstellt. Und das eben eins nach dem anderen, am besten lieber erst 10 kleine Projekte, und dann ein großes, denn die Fertigstellung ist der Schlüssel. Sie ist der Lohn der Mühen, und der Betroffene lernt eben wieder: Leistung lohnt sich. Dadurch entwickelt er den "Leistungshunger", also ein Streben von sich aus, mehr Leistung erbringen zu wollen, damit sich das Erfolgserlebnis wiederholt.

Die andere wichtige Baustelle sind die problematischen Belohnungen. Kaufen ist problematisch - außer, er hat tatsächlich ein echtes Händchen dafür, Dinge billig zu kaufen, und teurer weiter zu verkaufen. Den Antrieb dazu musst du initiieren - und es wird laufen, wenn er wirklich merkt, dass es sich lohnt. Hat er dafür eigentlich nicht wirklich das Talent, sondern verspekuliert sich, oder hat unrealistische Gewinnerwartungen, dann muss er weg von dieser Belohnung, denn auf Dauer würde sie ihn ruinieren.
Kiffen ist auch eine problematische Belohnung. Ich sage das ganz sicher nicht aus der Warte des Moralapostels. Ich kenne die gesamte Diskussion und die Hintergründe des aktuellen Cannabisverbots (habe mich wirklich intensiv damit auseinandergesetzt), und ich bin ausdrückliche Befürworterin der Legalisierung - obwohl ich noch nie gekifft habe. Ich würde also nie kritisieren, wenn sich jemand nach einem harten Tag oder einer stressigen Woche einen Feierabendjoint reinzieht. Nein. Das Problem ist, dass dein Freund "einfach ständig entspannen und chillen" will, wie du selbst sagst. Und natürlich fragt man sich dann: WOVON will er sich denn erholen - WAS ist so stressig in seinem Leben, dass er dauerhaft die Belohnung "braucht". Meine Antwort - wie sicher auch deine - lautet wohl: Nix. Er kifft "unverdient" (Typ 4). Und das ist problematisch, denn womit soll er sich denn zu Leistung motivieren, wenn er an sein Lieblingsding auch jederzeit ohne Leistung herankommt?

Und das ist der schwierigste Teil. Denn du kannst es ihm nicht verbieten (und es würde aufs Geratewohl vermutlich nur dazu führen, dass er sich einer Alternative zuwendet, und wer weiß, was das dann sein würde), aber ohne Leidensdruck, den er selbst empfindet, kann er auch nicht erkennen, dass er ein Problem hat, an dem er arbeiten muss.

Nun wäre normalerweise meine Empfehlung, ihm die "Welt da draußen" zu zeigen - dass sie bunt ist, adrenalin- und spaßreich, und vor allem echt ist - im Gegensatz zu dem künstlich herbeigeführten Gefühl, das das Kiffen bewirkt. Nur...da bist du ja auch nicht wirklich für zu haben. Das heißt, du bist aufgrund deiner eigenen Persönlichkeitsstruktur vermutlich insgeheim ganz froh, dass er nicht so gerne um die Häuser zieht etc (und umgekehrt ist er froh, jemanden gefunden zu haben, der nicht ständig derartiges von ihm erwartet). D.h. um hier eine Veränderung zu bewirken, müsstest du entweder selbst etwas an deinem Eigenbrötler-Verhalten ändern, oder eine alternative Belohnungs-Betätigung finden, die für euch beide taugt. Da landen wir imho wieder bei den gemeinsamen Projekten, aber vielleicht irre ich mich da auch. Projekte haben außerdem den immensen Vorteil, dass sie ihn so beschäftigen, dass er keine Zeit dafür hat, noch mehr Blödsinn anzuhäufen. Sprich: Er kann nicht das 21. Fahrrad beschaffen gehen, wenn er gerade das erste von 20 aufpoliert. Und ehrlich, wenn ihr 20 Fahrräder aufpoliert und mit nem Fuffi Gewinn weiterverhökert habt, spricht ja auch gar nichts dagegen, wieder ein neues Fahrrad heranzuschaffen.

Fazit:

Er braucht eine feste Tagesstruktur: Termine, Verabredungen, die Universität, aber auch klare Ansagen deinerseits, dass ihr an dem und dem Tag um soundsoviel Uhr anfangt, ein Fahrrad auf Vordermann zu bringen.
Er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade letztere Termine versuchen, platzen zu lassen. Dann musst du ohne ihn anfangen - und: Das ist wichtig: Ohne Vorwürfe, ohne Genörgel, und ohne ständig hinterher zu laufen. Einfach sagen: Du, es ist gleich 15:00, da wollten wir Fahrrad reparieren. Er sagt dann sicher: "Ja, gleich, wenn ich..." und du stehst auf, bereitest alles dafür vor, und schaust, ob er kommt (wahrscheinlich tut er das, und wenn nicht - dein alleiniges Fahrradprojekt, dein Gewinn...oder?). Wenn es dann fertig ist, initiierst du den Verkauf z.B. online, und ihr könntet dann zum Beispiel von dem Gewinn zusammen ins Kino gehen. (Die Belohnung ist wie gesagt immanent wichtig)
Das musst du auf die Weise nicht ewig machen - nur solange, bis sein Gehirn wieder an den normalen Leistungs-Belohnungs-Prozess gewöhnt ist. Dann fängt er von allein an, entwickelt selbst die Energie für solche Aktivitäten, und wird vermutlich auch bemerken, dass ein verdienter Feierabendjoint viel schöner ist, als fünf über den Tag einfach so gerauchte.

Wenn du ihm vorschlägst, regelmäßig Sport zu machen (lieber ein Mannschafts- statt ein Einzelsport, denn beim Gang ins Fitnesscenter entsteht keine gesellschaftliche Verpflichtung, hinzugehen, aber wenn sich sein Team auf ihn verlässt, sehr wohl), wird er das vermutlich nur annehmen, wenn du mitgehst oder mitmachst. Ihr könntet auch abends regelmäßige Aktivitäten planen: Samstag Grillabend, Mittwoch Bowling...eben alles, was sich dazu eignet, seinen Tages- und Wochenablauf zu strukturieren, und ihn "zwingt" Aktivitäten auf bestimmte Zeiten zu verlegen, weil andere Zeiten bereits blockiert sind.
Das ist ein hartes Programm, vor allem, wenn man sich selbst dazu auch erst einmal überwinden muss - was nur mit ausreichend großer Belohnung funktioniert, die man sich dafür in Aussicht stellt. Ob es sich lohnt, um deinen Freund zu kämpfen, und ihn in ein Leben zu führen, das nicht nur aus gammeln und kiffen besteht - kannst nur du allein wissen und entscheiden.


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19.05.2015 01:17
avatar  julika ( gelöscht )
#5
ju
julika ( gelöscht )

"entschuldigt die Rechtschreibung, aber mein tablet spinnt...

Wahnsinn numi, danke für diese Ausführliche Antwort. du hast vieles recht klar erkannt.

Es ist Wahnsinn denn was du über die Fehlprogrammierng sagst, stimmt bei ihm eigentlich. Seine Mutter war sehr brutal zu ihm und seinen Geschwistern , ich habe ehrlich gesagt noch nichts brutaleres mitbekommen. Demnach ist das alles nachzuvollziehen und ich finde es ja eben deswegen wundervoll, dass er trotzdem so ein zärtlicher sanfter und ruhiger Mensch geworden ist. dennoch seine Fehlprägungen empfinde ich wie eine unüberwindbare Mauer. Er ist 8 Jahre alter als ich - da würde jeder sagen, dass man einen Menschen dann nicht mehr ändern kann. Ich selbst werde bald 30.

Noch kurz: es ist nicht so dass ich gar nicht raus gehe. Ich habe ein schwieriges Jahr hinter mir, eine. Wichtigen "Freundeskreis" verloren und neige dazu mich in der anonymen Großstadt auch mal zurückzuziehen. Er hingegen lebt in einem Vorstadtbereich,sehr abgeschieden von allem .Ich bin seine einzige Bezugsperson. vor unserer Beziehung war er größtenteils allein. Er hat dort keine Freunde und keine Struktur. Für mich nimmt es momentan so ziemlich sozialarbeiterische Züge an, wenn ich an seinem Antriebs-belohnngssystem arbeite. Aber muss ich ja nicht immer. Eigentlich reicht ja schon ab und zu?

Mein großes Problem ist dabei da ich dann zu schnell will dass sich was verändert. Ich meckere oft an seiner kifferei , auch ganz ruhig aber er geht damit so selbstverständlich um wie ein Alkoholiker- DaS kann ich doch nicht mit ansehen. Meist Sage ich dann" mach doch erst die e Sachen, u d Rausch dann... Irgendwann vor ein paar Wochen kann wir zu dem Punkt, dass er eine. Therapie mache will. aBER der Clou ist: er bittet mich, die Therapie für ihn zu organisieren!!!! Gretchenfrage: wie halt ich's mit sowas? Mache ich es nicht passiert nichts, mache ich es, ist es nicht sein eigener Wille...

- zum Beispiel sind wir gerade da: "Achse jetzt gibst du zu, dass du ein messie bist?" er: "ja. Dann ist das eben so."
Anders Beispiel : ich: " Hej kannst du später die Wäsche noch abhängen.?""ja.ok" wenn ich dann 2 Tag später wieder zu ihm komme hängt die Wäsche immer noch draußen oder er hat sie gerade mal irgendwo drinnen hingestapelt, wo noch pla ist,aber nicht an seinen entgültigen Platz geräumt. Er knallt die Sachen dann meist hin. Wenn ich dann sage: " ach das finde ich aber schade, dass du die Wäsche, die ich gewaschen habe wieder so rumliegen lässt. Wir haben doch erst kûrzlich deinen Kleiderchaos beseitigt." seine Reaktion ; eine Ausrede... Das ist Sehr sehr mühsam, und ich weiß nicht wie ich reagieren soll. Innerlich konnte ich ausrasten. Aber dann werden wir so ein Streit paar.

Stichwort Fahrrad: bei ihm ist so viel Müll , der erstmal weg muss, zwischen dem die farräder teilweise stehen, zudem sind die meisten mittlerweile so verrostet, das sie unbrauchbar sind. Sein Car- Port steht schon voller Müll , den ich Schritt für Schritt bei ihm raussortiert habe. Ich mache das immer wenn es mal passt und ich lange genug zeit habe, dann nehmen wir uns gemeinsam einen Haufen vor. Aber ich habe auch nicht so viel zeit, weil ich ja auch ein eigenes Leben habe. Und das ist das Problem: ich komme nicht hinterher, mit ihm gemeinsam alles zu machen. Vor drei Monaten habe ich es geschafft, ihn zum sortieren seines vollgemüllten schreibtischen animieren können.
Vor 1,5 Monaten haben wir einen schlimmen schrank mit Krams ausgeräumt und einen regalschrank mit vielen kleinen Schubladen hingestellt. Der ist bis heute LEER. Nun ist einseits sein schreibtisch wieder voll mit Unterlagen, die er eigentlich in den schrank Sortieren hätte können. Macht er nicht. Seine Ausrede: "ich will die sachen, die auf dem Schreibtisch sind , nicht in den Schubladen verschwinden lassen...muss ich doch erledigen...."

Hier kommt für mich auch ein bisschen der projektmessie zum Vorschein.und es liegen bei ihm so viele Dinge brach, da kann ich nicht noch mit Fahrrad aufmotzen kommen. ich kann nicht sein leben organisieren. Wenn wir was unternehmen wollen kommt er mit der Ausrede: ich hab zu viel zu tun. Was tut er aber. Kiffen. Wenn ich anspreche, dass es mich traurig macht, dass er meist Unternehmungen nicht statt finden lässt mit der Ausrede "viel Arbeit", nimmt er mich i. Den Arm oder macht Witze...von allein kommt von ihm wenig Impuls, einen Tag zu gestalten.



frage beispielsweise : wie soll ich die Alltagsordnung in ein belohnngssystem integrieren? Sex als belohnung??

Ich kann es ihm nur vormachen, indem ich mich über Ordnung freue, in der Wohnung und ihn auch bei mir bitte, Dinge wegzuräumen.

Ich schwanke oft zwischen trennungsgedanken und lebensadvokat... Denn es ist soo schwer.

Viele Grüße und gute Nacht!




Noch zwei Anmerkungen:


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