Ist alles durch Trauma bedingt, alles durch Gene, oder...?

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14.07.2025 21:18
#296
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@Gitta
Das ist eben die Frage. Ich sehe es wie Marina: Das System der Therapie ist ja schon auf Abhängigkeit ausgerichtet. Der Therapeut braucht Kunden, die jahrelang wiederkommen. Wenn er ihnen mit drei Sitzungen helfen würde, würde er nicht genug verdienen.
Ich erinnere mich mit Grauen an ein Hörbuch über Traumata, das mich so retraumatisiert hat, dass es mir tagelang mies ging.
Das kanns ja wohl nicht sein! Da wurde mehrfach ganz mies behauptet, mein Leben würde den Bach runtergehen, wenn ich
nicht sofort eine Therapie beginne. Natürlich wurde keine Hilfe angeboten, wie ich selbst ohne Hilfe da rauskomme.
Wäre ja schlecht fürs Geschäft!

Ich glaube, dass Marina sich in einem Punkt nicht gut ausgedrückt hat. Sie behauptet, wenn man ein Trauma habe, sei man nicht
zerbrochen und brauche auch keine Reparatur. Ich denke, man ist sehr wohl zerbrochen. Aber eine Therapie hilft da wenig.
Freundschaft und Liebe wäre die Medizin, die zur Heilung beiträgt. Auch wenn ich manchmal den Eindruck habe, dass Traumatisierte,
die eine Familie haben, die sie auffängt, sich dann auch manchmal etwas zu sehr in die Hängematte fallen lassen.

Beispielsweise musste ich mir auch oft anhören, wenn ich echten Burnout hätte, dann könne ich nicht arbeiten.
Ich konnte ja auch eigentlich nicht arbeiten, aber ich musste. Die Ärztin hat mich nicht krank geschrieben und wenn
man selbst kündigt, kriegt man auch kein Arbeitslosengeld. Ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen.
Als Selbständige kann ich auch nicht einfach ein halbes Jahr aussetzen. Dann ersetzen meine Kunden mich einfach
durch jemand anderen und halten mir die Stelle nicht frei.
Darum KONNTE ich gar nicht wirklich ausfallen. Ich musste die Zähne zusammenbeißen und weitermachen.

Genauso auch beim Trauma. Die Leute, die wegen Trauma das Bett oder Haus nicht mehr verlassen,
die brauchen dann nämlich jemanden, der ihnen das Essen besorgt und Co. So jemanden habe ich nicht.
Und was muss, das muss.

So gesehen bin ich manchmal nicht mal sicher, ob Freundschaft oder eine liebende Familie so unbedingt zur Heilung beitragen.

Jedenfalls bezweifle ich, dass Therapien viel Nutzen bringen. Ich kenne kaum jemanden, der davon so richtig glücklich wurde.


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15.07.2025 09:56
avatar  IBI
#297
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Zitat von Anna1111 im Beitrag #296
Wenn er ihnen mit drei Sitzungen helfen würde, würde er nicht genug verdienen.

Es ist Aufgabe des Therapeuten, die Zeit so kurz wie möglich zu halten....normalerweise sind die Warteschlangen lang genug, dass er sich darüber wenig sorgen machen muss.

Die von der Kasse bewilligbaren Termine, sind schliesslich begrenzt und vielen reicht es nicht - je nach intensität und Art des Traumas.....- schieb nicht alles auf die Therapeuten Anna....vieles liegt beim Klienten.

Zitat von Anna1111 im Beitrag #296
Natürlich wurde keine Hilfe angeboten, wie ich selbst ohne Hilfe da rauskomme.

Solche Angebote gibt es inzwischen....du kannst diverse Online-Kurs testen....- glaube allerdings nicht, dass du davon profitierst, sondern wahrscheinlich die nächste Enttäuschung erlebst um zu bestätigen, wie bescheiden das ist. Schliesslich hast du erwähnt, dass Therapie dich traumatisiert....wieso sollten selbstlernprogeamme eine andere Wirkung bei dir auslösen.

Zitat von Anna1111 im Beitrag #296
Ich denke, man ist sehr wohl zerbrochen.

man ist abgespalten....ja.
Es kann sein, dass der Kern im abgespaltenen ganz ist und weil die Verbindung zu dem Teil gekappt wurde, ist das nicht spürbar, sondern kommt einem wie zerbrochen vor.

Zitat von Anna1111 im Beitrag #296
Freundschaft und Liebe wäre die Medizin, die zur Heilung beiträgt.

Ja, das ist extrem hilfreich.....
wir war dein Anspruch: der coach muss mich mögen und lieb haben und positiv betrachten mit all meinen beschissenen Themen....
Hast du dich selber lieb mit all deinen beschissenen themen??? schaust du positiv auf dich, wenn du wieder in einer Krise steckst?

Zitat von Anna1111 im Beitrag #296
So gesehen bin ich manchmal nicht mal sicher, ob Freundschaft oder eine liebende Familie so unbedingt zur Heilung beitragen.

Familie ist manchmal zu nah dran.....weil genau in der Familie auch traumatisierende Aspekte entstanden sein können.

Zitat von Anna1111 im Beitrag #296
Ich kenne kaum jemanden, der davon so richtig glücklich wurde.

Glücklich fühle ich mich nicht in dem Masse, wie ich es mir wünsche....weiss ich überhaupt wie sich glücklich anfühlt?
was sich deutlich verbessert hat: ich komme mit meinen Krisen viel besser klar und sie dauern inzwischen alle kürzer.
Undc meine extremen automatischen Verhaltensweisen, die sich dauernd wiederholt haben, haben sich soooo viel gebessert.....
Das ist extrem viel wert, auch wenn der teil von Glücklich sich noch nicht einstellt.....doch die Momente, in denen ich mich wohl fühle vermehren sich.....und diese notiere ich mir.....(anstelle von dankbarkeitsbüchern oder anderen...nur dann, wenn ich es fühle.)


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15.07.2025 19:53 (zuletzt bearbeitet: 15.07.2025 19:53)
avatar  Gitta
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@Anna1111
1. Sicher kann es sein, dass Dich oder mich bestimmte Bücher, Filme, Situationen, usw. stark triggern oder sogar retraumatisieren. Man versucht dann oft, diese zu vermeiden, was unser Leben beeinträchtigen kann. Oder man kann es je nach Fall nicht, dann fühlt man sich fremdgesteuert und ohnmächtig. Kein tolles Gefühl.

Wie auch immer, Sinn einer Therapie sollte ja sein, dieses Traumatisierungen Stück für Stück aufzulösen, damit sie nicht mehr so eine Macht über einen haben. Das geht aber nur, wenn man sich diesen Dingen leicht aussetzt. Also gerade so weit, dass man nicht in die Verdrängung rutscht. Und sich diese ins Bewusstsein holt oder es so weit wie eben möglich versucht. Schrittchen für Schrittchen, so mache ich es. Es mag auch Menschen geben, die größere Schritte machen können oder brauchen.

2. Liebe ist sicher an und für sich etwas Gutes. Aber ich glaube, Du meinst es hier im Sinne von Trost und Mitgefühl. Auf jeden Fall ist Therapeuten das theoretisch klar, im Gegensatz zu jemand x-Beliebigen, der Dir auf der Straße begegnet. Und die Frage ist für mich auch, wieviel so eine Freundschaft aushält. Gerade wenn sie noch am Entstehen ist. Da möchte ich niemand sagen: Übrigens, ich bin Missbrauchs Opfer und Psycho, ich hätte jetzt mal gern, dass Du Dir den Scheiß, den ich erlebt habe, anhörst und mich tröstest. Also ich würde es nicht machen.

3. So wie ich das verstanden habe, zielt Therapie auch darauf ab, aber nicht mehr so stark von anderen oder dem außen abhängig zu sein. Oder sich abhängig zu fühlen. Sondern eben zu üben und zu merken, dass man sich auch selbst lieben und trösten kann. Also jetzt als erwachsener Mensch. Als Kind konnte man das nicht.

4. Ja, das ist leider so. Als Selbstständige kannst Du Dir keine Krankheiten leisten. Egal, ob das ein Magengeschwür oder ein Burnout ist, wenn noch irgendetwas geht, macht man weiter.

Aber was hat jetzt ein Burnout mit Traumatisierungen aus der Vergangenheit zu tun? Burnout kommt ja von chronischer Überlastung. Also wenn man selbst über längere Zeit immer etwas über seine Grenzen geht. Wohlgemerkt, ohne Erholungspausen einzubauen. Ja, sicher kann einem das Gefühl für seinen Körper und eigene Bedürfnisse fehlen, weil man sich mehr auf die Fremdbestimmung von außen verlässt, als auf seine inneren Vorgänge zu lauschen und zu hören. Das ist dann wieder eine Frage von Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung. Die man als Kind abtrainiert und heute mühsam wieder erlernen sollte. Dazu muss man auch etwas in die Angst gehen, die Angst vor seinem Innenleben, vor dem Brechen von eingeimpften Verboten aus der Kindheit, usw.

5. Was ich so mitbekomme, sind Therapieplätze eher Mangelware. Also ich meine jetzt bei zugelassenen Therapeuten. Die haben ja nichts mit den allerlei Heilsbringern aus dem Internet zu tun. Zweitere wollen natürlich Dein Geld.

6. Therapie bringt nur so viel Nutzen, wie Du selbst an Dir arbeitest. Oder arbeiten kannst. Zeitweise mag das mal gar nicht gehen. Zeitweise mal mehr. Therapeuten können Dir ja auch nur einen Weg andeuten, gehen musst Du ihn schon selbst. Oder Dir eine Orientierung geben, wie Du an Dir weiter machen kannst. Weiterentwicklung ist ja auch irgendwo nie fertig. Das ist ja auch gut so.


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24.08.2025 11:00
avatar  Robin
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Ein Video über die Probleme von neurodivergenten Menschen, Aufgaben anzugehen und umzusetzen:

htt_ps://you_tu.be/MWs7wGPPoVQ?si=yWbI2T_DiHXvZy-G
(Link kopieren, 2 überflüssige Unterstriche löschen - ist English, aber YouTube übersetzt automatisch in Untertitel)

Ich hatte das neulich schon mal in meinem "Haus-Thread" gepostet. Nachdem ich es mir grade endlich auch zu Ende angeschaut habe, denke ich, es gehört unbedingt auch hierher! Zum einen erklärt er die Symptome von einer Störung der exekutiven Funktionen - was bei ADHS und Autismus typisch ist - wohl nicht ohne Grund überwiegend an der Bewältigung von Aufgaben im Haushalt, inklusive solchen, wie sie z.B. bei Kontakten mit Ämtern nötig sind. Zum anderen möchte ich immer noch darauf hinweisen, dass es fatal wäre, solche Symptome von Neurodivergenz einfach auf eine "schwere Kindheit" zu schieben. Selbstverständlich sollen Trauma-Symptome erkannt und möglichst therapiert werden. (Wir wissen von den Leuten, die hier mit sowas kämpfen, wie schwierig das ist!)

Als Beispiel dafür, wie schädlich es sein kann, wenn *fälschlich* von Traumafolgen ausgegangen wird: Mir fiel auf, wie überempfindlich ich auf Berührungen reagiere. Ich erinnerte mich, dass ich es mir als junge Erwachsene ganz bewusst "beigebracht" habe, Freunde zu umarmen. Und irgendwann habe ich mal vorsichtig bei meinem Vater nachgehakt, ob da irgendwas war mit sexuellem Missbrauch in meiner Kindheit. Der hat daraufhin jahrelang gedacht, ich würde glauben, er hätte mich sexuell missbraucht. Wie schrecklich! Zum Glück haben wir uns mittlerweile ausgesprochen und konnten das klären.

Andererseits ist es aber natürlich auch nicht so, dass neurodivergente Menschen automatisch eine Bilderbuch-Kindheit hatten. Das Gegenteil ist der Fall! Die meisten von uns wurden z.B. Mobbing-Opfer, manche ihre gesamte Schulzeit lang. Manchen ist es überhaupt nicht gelungen, auch nur oberflächlich mit Gleichaltrigen freundschaftliche Verhältnisse aufzubauen.

Manche waren das schwarze Schaf der Familie, und wohl alle erlebten eine Erziehung, deren Ziel es war, dass man irgendwie anders sein soll, als man ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bei anderen noch viel krasser war als bei mir, weil ich habe zwar Kritik, aber auch viel Anerkennung bekommen von meiner Familie. Aber natürlich ist es immer auch ein bisschen unheimlich, wenn andere etwas als "besonders" hervorheben, was man selbst gar nicht anders machen könnte oder nicht mal bemerkt.

Auch das hat Folgen, wenn wir uns heute mit unserem Messietum rumschlagen: Reproduzieren wir im Versuch, unseren Alltag in den Griff zu kriegen, diese "Erziehung zu einem anderen Menschen"? Oder steckt in unserer "Exekutiven Dysfunktion" auch ein Stück späte Rebellion dagegen?

Und wir können natürlich auch alle Traumatisierungen erlebt haben, die auch neurotypische Kinder erlebt haben können. Und auf manches reagieren wir vielleicht anders. So weit ich weiß, gibt es dazu kaum Forschung...

Ich finde: Zu wissen, dass man neurodivers ist, bringt schon eine gewisse Erleichterung und Entspannung. Noch mehr, wenn man erfährt, dass man nicht die einzige autistische Person auf der Welt ist, die *nicht* in das Klischee des autistischen Ordnungs-Fetischisten passt, sondern ganz im Gegenteil sich mit einer Messie-Bude rumschlagen muss.

Mir hat das Video auch geholfen, nicht mehr mit mir zu schimpfen, wenn ich nach mehreren Arbeitstagen in einem sozialen Beruf meist einen ganzen Tag im Bett verbringe mit dem Gefühl, dass mich grade alles andere überfordert und dass ich mich erstmal ausruhen muss. *ACH* - bei anderen sind das *mehrere* Tage?! Krass!!! Da dachte ich, ich bin ein Schlappie, und in Wirklichkeit bin ich gut im Training und habe eine schnelle Erholungszeit! ☺️☺️☺️


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24.08.2025 12:41
avatar  Scherbe
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Danke
@Robin

Ich finde das hochinteressant - auch deine Überlegungen dazu. Passt auch zu meinem "Was wäre wenn?"-Beitrag.

Was ich mich auch schon länger frage bei mir: neurodivergent ist klar. Aber, nennen wir es "autistische Züge", wie kann man erkennen, ob man die hat??
Ich vermute die bei mir auch - ist mittlerweile eigentlich auch egal (Alter ;-)), es würde mich aber dennoch interessieren.


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