Was wäre, wenn...

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16.08.2025 16:46
avatar  Scherbe
#1
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Zitat von Wolfram im Beitrag Gedenken an die Freiheitsberaubung am 13.8.61
weil die Ursachen nicht geklärt sind


Irgendwie beschäftigt mich nun die Frage:

Was, wenn es gar nicht immer Ursachen gibt für das Messie-Verhalten bzw. Messie-Sein???

Jeder Mensch ist bekanntlich ein Unikat. Und so wie es Menschen mit blonden, roten, schwarzen... Haaren gibt, so gibt es auch die mit besonderen Begabungen, Eigenarten usw.
Der eine ist handwerklich sehr begabt und interessiert, ein anderer hat "zwei linke Hände", ist dafür beispielsweise sportlich. Usw. usf.
Auch manch ein Mensch bringt eine Krankheit mit, vielleicht einen Herzfehler, eine fehlende Hand... ohne dass man dafür eine Ursache sehen könnte. Vieles lässt sich ändern, manches "reparieren" - die Einzigartigkeit bleibt.
Kann es nicht sein, dass manch einem auch die Neigung zum Chaos "einfach so" mitgegeben wurde? Dann gäbe es keine Ursachen, deren Auffinden helfen würde - allenfalls ein Training für anderes Verhalten.
Ich bin gespannt auf eure Meinung dazu (vielleicht gab es diese oder ähnliche Überlegungen hier ja auch schon mal irgendwo)...


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16.08.2025 18:40
avatar  Robin
#2
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Hallo @Scherbe ,

ja, z.B. im Thread über Gene oder Trauma.

Ich kaue auch grade mal wieder auf der Frage rum, wenn auch ein bisschen von einer anderen Seite her vielleicht. In meiner Geschichte und der meiner Familie hat es ja auch so einiges gegeben... Ich hatte darüber nachgedacht, hier auch mal darüber zu schreiben. Und da merke ich, wie sich bei der Vorstellung sämtliche Nackenhaare sträuben: Ich ***will*** nicht, dass diese Dinge für irgendwas funktionalisiert werden! Schon gar nicht, um mein Messietum zu rechtfertigen oder irgendeine andere Sauerei!!! Und ich habe den Eindruck, dass es bei der Suche um "Ursachen" in der Vergangenheit in den meisten Fällen eben darum geht, etwas zu rechtfertigen, ***damit man es nicht ändern muss*** und man sich selbst und anderen leid tun kann statt dass alle (vor allem natürlich immer man selbst) mit einem schimpfen. Noch besser: Die Schimpfenden sollen mit jemand anders schimpfen.

Den Verbrechern wird zu dem Verbrechen, das sie real begangen haben, auch noch aufgeladen, dass man jetzt wegen ihnen die Wohnung nicht putzt. Okaaay - um die tut's mir nicht leid.
Aber das Vertrackte daran: Wenn man nun plötzlich seine Wohnung putzen würde, dann wäre das ja so, als würde man sie damit aus der Verantwortung entlassen...! Es ist ein bisschen so wie emotionale Erpressung gegen Tote. Wir können da nicht gewinnen.

Ich will diese Art der Verbindung nicht. Ich will lieber einfach und unbekümmert überlegen, wie ich meinen Haushalt und meine Zeit so gestalte, dass ich damit zufrieden bin.

Es gibt einige wenige Leute, die in die Ursachen in der Vergangenheit tief blicken und die richtigen Schlussfolgerungen ziehen können. Gabor Maté, den @IBI gelegentlich erwähnt hat, ist so jemand, und er hat meinen tiefen Respekt. Aber die Mehrheit benutzt m.E. vergangene Traumen nur, um sich einen Freibrief auszustellen oder Mitleid zu bekommen. Sorry an alle hier, die real unter posttraumatischen Belastungsstörungen aller Art leiden! Ich weiß, wie gemein das für euch klingen muss, und bitte glaubt mir: Ich meine es nicht böse. Und ich spreche niemandem dieses Leiden ab. Es geht mir nur um den Wunsch nach Freiheit, in der Gegenwart! Wie können wir frei sein, wenn wir zugleich die Verantwortung für unser Handeln an Leute übergeben, denen wir ganz gewiss nicht trauen können und die meist auch schon tot sind und die auch ihr Handeln von vor vielen Jahren gar nicht mehr ändern können?

Und, kann ich mein Verhalten denn selber einfach so ändern? Nein, aber das liegt daran, dass bekanntermaßen das, was man tut, Bahnen im Gehirn schafft. Neuronale Verknüpfungen. Gewohnheiten - auch Denkgewohnheiten - laufen oftmals unbewusst ab, und manchmal können wir sie auch beobachten, aber nicht verändern. Und manchmal können wir sie aber auch verändern. Damit erschaffen wir uns quasi neu. Das ist nicht einfach. Wir haben eine Ausstattung, die wir mitgekriegt haben - durch Gene, und durch unsere Eltern, aber auch durch die Gesellschaft, z.B. auch durch unsere beruflichen Erfahrungen, und am stärksten werden die Menschen geprägt durch ihr eigenes Verhalten.


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16.08.2025 18:50
avatar  Wolfram
#3
Wo
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@Scherbe

ich denke, dass alles seine Ursachen hat. Es kommt nichts von alleine. Es kann nur sein, dass man nicht alles findet trotz intensiver Suche. Mein Geschichtslehrer hat einfach den deutschen Krieg 1864 gegen Dänemark und1866 gegen Österreich vergessen. Wenn meine Schwester nicht zufällig die Unterlagen hervorgeholt hätte und ich meinen Urgroßvater gleichzeitig bei Google gefunden hätte, dann wüßte ich heute noch nichts von diesen Kriegen, die mich stark beeinflußt haben.
Alle meine Hobbies haben ihre Ursachen. Auch ein Nichtmessie hat seine Ursachen. Meine Verwandten sprachen beim Kaffeetrinken von Krankheiten, die mich als Kind nicht interessierten. Jetzt würde mich jede Krankheit interessieren, weil ich jede Krankheit bekommen könnte.
Weil man als Kind immer weniger weiß als die Erwachsenen, fühlt sich das Kind immer unterlegen und kann ein schlechtes Selbstbewusstsein entwickeln und dann zum Messie werden. Da liegt schon von der Tendenz her, eine Ursache vor, obwohl Eltern rechtzeitig gegen steuern könnten, aber dann müßten die Eltern diese Problematik kennen.

viele Grüße
Wolfram


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16.08.2025 19:58 (zuletzt bearbeitet: 16.08.2025 20:01)
avatar  Sybille
#4
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Tja @Scherbe @Robin @Wolfram @alle

Meiner Meinung nach sind die Frage, ob es eine Ursache gibt und ob Ursachenforschung gerade weiter hilft zwei verschiedene Dinge.

Ich jedenfalls versuche das zu trennen.

Ich bin zB grds. davon überzeugt, dass das Messi-tum bei mir zu nicht unwesentlichen Teilen aus der Kindheit resultiert.

UND ich bin davon überzeugt, dass ich aktuell mit Therapien und Kindheit-aufarbeiten durch bin.

Es gibt halt den Punkt, an dem es vom drüber-reden nicht mehr besser wird.

Ich bin jetzt so, warum auch immer und ich muss jetzt mit mir selbst leben, so wie ich bin. Punkt.

Deshalb ist es immer noch so, dass ich glaube, dass viele der Ursachen in der Vergangenheit liegen. Ich bin sicher und ich stehe dazu.
Ich verdränge nicht und ich schäme mich nicht, aber ich will jetzt gerade nicht ewig und drei Tage drin herumpopeln. Sondern ne Lösung für meine jetzige Verfassung finden.

Das fällt mir schwer. Oft ploppt irgendwas wieder auf, wenn ich *zum Beispiel* scheinbar völlig irrational auf Aufräum-Anforderungen reagiere.

Es ist mMn Teil des gerade-nicht-in-Therapie-seins, dass ich meine Emotionen, dann halt nehmen muss, wie sie *jetzt* sind. Auch wenn das irrational ist/ scheint / whatever.

Ich bekomme zB *aktuell* von unangekündigtem Besuch psychosomatische Migräneattacken und ich kann *aktuell* nichts dagegen tun.
Solange es sich *so* anfühlt, ist das ein echter (!) Grund nicht mehr die Tür öffnen zu wollen.
Was bedeutet das also *aktuell* für mein weiteres Vorgehen?

Lustigerweise glaube ich, die Menschen finden mich in den Phasen, in denen ich versuche die Vergangenheit hinter mir zu lassen und in der Gegenwart zu leben, viel verrückter als in den Phasen, als ich drüber reden wollte.

Eine traumatisierte Sybille, die an ihren Problemen arbeitet? *Das* versteht man. Aber eine Sybille, die sich weigert zum Arzt zu gehen und statt dessen die Tür nicht mehr öffnen mag? "Sei doch vernünftig Sybille!" (Ob der Arzt denn helfen würde, braucht die Person, die den ultimativen Rat hatte, ich möge mir Hilfe holen ja nicht kümmern, aber das ist n anderes Thema)
Und so führt die Tatsache, dass ich gerade Therapie nicht für zielführend halte, oft dazu, dass ich überlege/ erkläre, warum ich denn so komisch bin. Ist ja auch so noch ne interessante Frage. *Und* es hilft ja manchmal, wenn man erklären kann, warum man so bekloppt ist.

Was wäre wenn Messi-sein etwas wäre wie lockige Haare?
Etwas was "einfach" so ist?
Wofür man sich nicht schämt?
Nichts erklären muss?
Hieße das, dass ich keine Migräne bekäme, wenn hier jemand reinschneit?
Und keine Angst vor Handwerkern hätte?
Hieße es, dass ich *nie* ehr stundenlang heulen würde als 10 Minuten zu putzen und *nie* irgendwas über den Haushalt kompensieren würde?
Hieße es, dass ich einfach (!) wüsste, was ich behalten will und was nicht?

Was dann wäre?
Keine Ahnung offen gesagt.
Ist eine Frage, wie die was wäre, wenn ich in einer anderen Welt geboren wäre. Oder einer anderen Zeit.
Ich weiß es nicht.

Betreffend einen vollkommen anderen Bereich hat mein Mann mal gesagt, er sei gegen eine Therapie. Zitat: "Ich behalte Dich so wie Du bist."
Vielleicht würde es sich anfühlen, als ob nicht eine einzige Person auf dieser Welt der Meinung sei, ich könnte so bleiben wie ich jetzt bin, sondern alle.
Als würde die Welt sagen "Sybille, ist okay. Du musst das nicht behandeln lassen, wir behalten dich so wie Du bist."

Und vielleicht *vielleicht* würde schon *das* dazu führen, dass es mir leichter fiele hier aufzuräumen...


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16.08.2025 20:03
avatar  IBI
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Zitat von Robin im Beitrag #2
Wenn man nun plötzlich seine Wohnung putzen würde, dann wäre das ja so, als würde man sie damit aus der Verantwortung entlassen...! Es ist ein bisschen so wie emotionale Erpressung gegen Tote. Wir können da nicht gewinnen.


Robin, ja, etwas resoniert in mir.
Und gleichzeitig: Sind sie wirklich aus der Verantwortung entlassen???
Sie sind ohnehin tod und können ihre Verantwortung, die sie nicht getragen haben, nicht mehr übernehmen.

Ich glaube, da liegt der emotionale Irrtum, den wir uns selbst erschaffen.
Sie hatten DAMALS die VERANTWORTUNG. Sie haben versagt.
Sie haben uns bedauerlicherweise mit ihrem Versagen ein Leben beschert, das wir uns gerne anders gewünscht hätten.
Wir können entscheiden, damit aufzuhören so zu denken.
Entscheiden....bedeutet nicht, dass es von heute auf morgen klappt. Aber wir können uns immer wieder an die Entscheidung erinnern, dass wir damit aufhören möchten.

Zitat von Robin im Beitrag #2
Es geht mir nur um den Wunsch nach Freiheit, in der Gegenwart! Wie können wir frei sein, wenn wir zugleich die Verantwortung für unser Handeln an Leute übergeben, denen wir ganz gewiss nicht trauen können und die meist auch schon tot sind und die auch ihr Handeln von vor vielen Jahren gar nicht mehr ändern können?

Verantwortung für dein Handeln liegt alleine bei dir.....
vielleicht ist es das: Aufhören, es in die Vergangenheit zu projizieren und uns diese Gründe ständig wiederholend mitzuteilen.
Ja, bedauerlicherweise triggern uns regelmässig in der Gegenwart all die "unverarbeiteten" Aspekte aus der Vergangenheit.
Wir können probieren sie zu meiden oder hinhören, was es in der GEGENWART braucht, damit sich das vergangene Ereignis emotional beruhigen kann.


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